Orgel in der St. Matthäus-Kirche

Lesen Sie nachstehend Beiträge aus der Festschrift zur Weihe der Link-Orgel vom 27.Oktober 1996

 

Unerhörtes wird hörbar

(Beitrag Bernward Mezger, früher Pfarrer in der St. Matthäus-Gemeinde)

 

Was braucht der Mensch zum Leben? Essen und Trinken, ein Dach über dem Kopf, Arbeit, um den Lebensunterhalt zu sichern, Kleidung schließlich und vor allem Beziehungen zu anderen Menschen, denn niemand kann für sich allein leben und glücklich sein. Zum Leben gehören aber auch Kultur und Kunst. Allein arbeiten, essen, schlafen - das wäre kein Leben. Eine alte nordische Sage erzählt "Von der heiligen Gabe des Festes". Da wird geschildert, wie die Gottheit einen jungen Menschen lehrt, Töne zu einer Melodie zusammenzufügen und Worte in einen Rhythmus zu bringen, so daß sich ein Gesang daraus formt. Und ein Junge lernt, wie man singt und tanzt, was eine Einladung und ein Festmahl sind. So kommt es, daß die Menschen das erste Fest auf der Erde feiern, "und die Menschen waren sorgenfrei und froh, wie sie es nie zuvor gewesen waren", heißt es. - Unsere Kirche ist ein Festhaus, in dem Menschen zusammenkommen, um in der Gegenwart Gottes zu feiern. Alles soll hier zur Sprache, nein, zum Ausdruck kommen, was Menschen bewegt: Freude und Hoffnung, Trauer und Angst, Schuld und Versöhnung, Freundschaft und Liebe. Oft aber übersteigt das, was wir empfinden, unsere sprachlichen Möglichkeiten. Dann brauchen wir die Kunst, die ausdrückt, was Worte nicht sagen können.

 

Die Orgel ist ein Werkzeug, das Unhörbares und Unerhörtes hörbar macht. In der Liturgie und im Konzert führt sie uns in die Gegenwart Gottes, der unsichtbar da ist wie die Luft, die wir atmen und deren Schwingungen wir hören, ohne die wir nicht leben können. Was wir in der Kirche mit allen Sinnen feiern, ist ja nicht nur ein privater Kunstgenuß. Wir feiern das Leben selbst im Gedächtnis von Tod und Auferstehung Christi. Was wir feiern, ist in der Tat unerhört! Die Botschaft des Evangeliums führt uns zu den Menschen, damit wir ihnen in caritativer Liebe und im gelebten Zeugnis Gottes Nähe erfahrbar machen. Von ihrer Bauweise her ist die Orgel ein Bild der christlichen Gemeinde. In ihr steht eine Vielzahl von Pfeifen unterschiedlicher Bauart und Größe zusammen, jede an ihrem Platz. Keine darf fehlen, jede soll zu ihrer Zeit einsetzen; alle werden lebendig durch den Heiligen Geist, dessen Zeichen der Wind, der Atem ist.

 

Die neue Orgel in der St. Matthäus-Kirche ist für viele Generationen geschaffen worden. Sie kündet heute und in weiter Zukunft, daß uns das feierliche Gotteslob und die Versammlung der gläubigen Gemeinde etwas wert sind - wie unsere Vorfahren, die unter meist schwereren Bedingungen als wir heute ihre Kirchen gebaut und ausgestattet haben.

 

Zu danken ist denen, die über lange Zeit den Orgelbau betrieben und ermöglicht haben: All den vielen Spendern mit ihren kleinen und großen Gaben - auf sie hoffen wir weiterhin. Dechant Wilhelm Bolte, der als Pfarrer an St. Matthäus mit langem Atem den Grundstock gelegt hat; schließlich Orgelbaumeister Christoph Naacke und den Mitarbeitern der Firma Link, die wir zu ihrem Werk beglückwünschen.

 

Ich wünsche uns, dass im Atem der Orgel der Geist Gottes durch unsere Seelen fährt und sie zum Schwingen bringt, damit wir in unserem Leben Gott verherrlichen und in seinem Namen zusammen sind.


 Soli Deo Gloria

(Beitrag Christoph Naacke, Orgelbaumeister)

 

Die neue Orgel in der Katholischen Pfarrkirche St. Matthäus in Altena zeigt sich vom Kirchenschiff aus betrachtet nach Abschluß der Arbeiten nahezu unverändert am gleichen Platz wie das Vorgängerinstrument. In der Tat ist das Gesicht der Orgel gleich geblieben, einige kosmetische Maßnahmen, vor allem im Bereich der Pfeifen, sorgen für ein ordentliches Erscheinungsbild. Hinter diesem Faktum verbirgt sich eine Vorgehensweise, die außergewöhnlich ist und ihren Grund in der Tatsache hat, daß der Orgelprospekt unter Denkmalschutz steht.

 

Ursprünglich wurde die Orgel 1924 von Firma Feith, Paderborn, erbaut. Wie so oft, erfolgte auch hier 1958/60 eine grundlegende Modernisierung und Vergrößerung, die der Orgel mehr geschadet als genutzt hat und bereits seit Jahren das Bewußtsein in der Gemeinde für die Notwendigkeit einer grundlegenden Erneuerung schärft hat, zumal, da Heuler und Ausfälle die Regel waren.

 

Verschiedene Besuche vor Ort ließen ein Konzept entstehen, das durch Angebotsvarianten reifte und auch maßgeblich mit von dem zwischenzeitlich hinzugekommenen Kreisdechanten Bernward Mezger und Herrn Reiner Schuhenn, dem Bischöflichen Beauftragten für Kirchenmusik im Bistum Essen, mitgestaltet wurde. Mehrere persönliche und telefonische Besprechungen waren erforderlich, bis die letzten Details zur Disposition im Februar 1996 geklärt waren.

 

Fest stand, daß die Prospektfassade erhalten werden mußte. Zunächst bestanden Überlegungen, hier klingende Zinnpfeifen für die weitestgehend stummen Zinkpfeifen einzusetzen. Jedoch zeigte sich, daß hier keine schlüssige Vorgehensweise möglich war, worauf man sich entschloß, die Prospektfassade optisch zu sanieren, die Zinkpfeifen zu verschönern und zu belassen und hinter diesem Orgelprospekt ein Instrument zu errichten, das zwar ein (unsichtbares) schützendes Gehäuse im Verlauf der Prospektpfeifen besitzt, ansonsten jedoch mit dem Orgelprospekt keine Gemeinsamkeit hat. Diese Entscheidung schaffte nun vollständige Freiheit für die Planung der Orgelanlage und die Ausgestaltung der Disposition. Eine Besprechung in Altena in Anwesenheit von Herrn Schuhenn am 06.12.1995 legte die gesamte Konzeption fest, nach der die Orgel gebaut wurde, so wie sie sich auf der Empore heute präsentiert.

 

Kommt man auf die Empore, so zeigt sich gleich, dass sich gegenüber dem Eindruck vom Kirchenschiff aus Grundlegendes geändert hat. So führt jetzt der Zugang zur Empore um die Orgel herum und nicht mehr durch das Instrument hindurch. Klar zu erkennen ist der Schwellkasten mittig hinten, davor hinter den Prospektpfeifen die gemeinsamen Gehäuseschreine für Hauptwerk und Pedal, Mittig auf der Empore vor der Orgel steht der neue Spieltisch mit Blick zur Orgel, wobei hier die wesentlich geringeren Abmessungen zum Spieltisch der Vorgängerorgel auffallen. Bedingt durch die mechanische Spieltraktur ergibt sich zwischen Spieltisch und Orgel ein Podest, das ideal für die Aufstellung eines Chores geeignet ist. Die auf der Empore erkennbaren Unterschiede gegenüber dem Vorzustand verstärken sich, betrachtet man das Orgelinnere, das den meisten Kirchenbesuchern verborgen bleibt und doch die wesentlichen Teile des Instrumentes ausmacht. Die Vorgängerorgel besaß eine elektro-pneumatische Steuerung, die in die Jahre gekommen und störanfällig geworden war. Hier jetzt wurde die seit Jahrhunderten bewährte mechanische Steuerung von der Taste zum Ventil nach dem System der sogenannten mechanischen Schleiflade eingebaut. Sie gibt dem Spieler die Möglichkeit, durch die musikalische Artikulation und die Weise, wie er die Taste drückt, die Ansprachecharakteristik der Pfeifen zu beeinflussen. Diese filigrane Mechanik bauen wir ganz aus Holz mit dünnen Leistchen und überaus exakt gearbeiteten Umlenk- und Führungsteilen.

 

Die Auswahl der bestimmten Register (Pfeifenreihen gleicher Klangfarbe) erfolgt an dieser Orgel elektrisch mittels starker Magnete, die die sogenannten Registerschleifen betätigen. Diese Technik wurde hier gewählt, da bestimmte Klangfarben-Kombinationen elektronisch gespeichert und wieder abgerufen werden können sollten, so daß sich der Organist ganz auf sein Spiel konzentrieren kann.

 

Die elektrische Windversorgung ist in der Orgel untergebracht; hier speist ein leistungsfähiges Gebläse über Holzkanäle in die Windladen ein. Auf diesen Windladen, in welchen die mechanischen Befehle vom Spieltisch aus über die Spieltraktur in Windfluß umgesetzt werden, stehen die Pfeifen nach Registern geordnet, wobei hier einige Pfeifenreihen, z.T. nach Veränderungen und Umarbeitungen, in der neuen Orgel wiederverwendet werden konnten.

 

Die Pfeifen selbst, das Klanggut der Orgel, bestehen z.T. aus Holz, z.T. aus Zinn-Blei-Legierung, je nach den gewünschten Klangfarben. Auch die Bauform, ob zylindrisch offen oder abgedeckt, hat maßgeblichen Einfluß auf den Klang. Die Tonerzeugung des Großteils der Pfeifen folgt dem Prinzip der Blockflöte. Ein Teil des Pfeifenwerkes, die charakteristischen Zungenpfeifen, besitzen als klangbildendes Medium schwingende Messingzungen, sie erzeugen den Klang demnach wie Oboen oder Klarinetten.

 

Unser erklärtes Ziel war es, ein Exempel der süddeutschen Klangcharakteristik zu realisieren, die sich durch ein gutes Fundament bei leuchtenden Farbregistern unter Vermeidung von klanglichen Schärfen und Härten auszeichnet. Das Pfeifenwerk ist in geschlossene Gehäuseschreine eingestellt, die schützend und klangbündelnd wirken. Von besonderer Bedeutung ist hier der Schwellkasten des II. Manuals, der über Jalousien vom Spieltisch aus den Klangaustritt regulierbar gestaltet und so die Lautstärke dieses Teilwerkes zu verändern in der Lage ist.

 

Im Spieltisch, der vor der Orgel steht und der den Arbeitsplatz des Organisten darstellt, laufen die mechanischen Spieltrakturen zu den Klaviaturen hin, die von unten nach oben gezählt werden. Das I. Manual ist dem Hauptwerk, das II. Manual dem Schwellwerk zugeordnet, mit den Füßen wird das Pedalwerk über die Pedalklaviatur gespielt. So ergibt sich, daß das Instrument aus drei Teilwerken besteht, die über mechanische Koppeln im Spieltisch selbst kumuliert werden können. Die Wahl der Register erfolgt von einem links im Spieltisch eingebauten Tableau mit Edelholzregisterschaltern aus.

 

Es ergeben sich durch die Mischung der 27 Register nahezu unzählige Klangvariationen, von den wir hoffen, dass sie lange Zeit in Frieden zur Freude von Spielern, Zuhörern und der singenden Gemeinde genutzt werden können.